Liebe Patientinnen nud Patienten

 

Fast täglich hören Sie über die Klagen der Bundes- und Lokalpolitiker über den immer schlimmer werdenden Ärztemangel auf dem Land. Und wahrscheinlich haben Sie auch schon einmal persönlich gemerkt, dass es nicht mehr so einfach ist, einen neuen Hausarzt zu finden oder einen Termin beim Facharzt zu bekommen.

 

Weil dieses Problem immer größer wird, werden nun hektisch Runde Tische und Lokale Aktionsbündnisse gegen den Ärztemangel einberufen. Es wird über eine Landarztprämie geredet und von einer Verpflichtung junger Ärzte und Ärztinnen, erst einmal auf dem Land arbeiten zu müssen, bevor sie in einer größeren Stadt praktizieren dürfen.

 

Es wird viel diskutiert von vielen Leuten, die meist nicht so viel von diesem Thema verstehen.


Warum ist die Diskussion um die ärztliche Versorgung so müßig?

Die Gründe für den zunehmenden Mangel an niedergelassenen Ärzten der Grundversorgung in Deutschland generell und im Ostalbkreis speziell sind allen politischen Akteuren seit langem bekannt:

1. zu wenig Medizinstudienplätze.

Es gibt seit vielen Jahren in Deutschland deutlich weniger Studienplätze als zur Zeit unseres Medizinstudiums. Vor der Wiedervereinigung gab es alleine in Westdeutschland mehr Studienplätze als es jetzt in ganz Deutschland gibt. Dabei ist die Patientenzahl durch die Wiedervereinigung natürlich jetzt deutlich höher als noch in den 1980er Jahren.

2. falsche Auswahl der Medizinstudierenden.

Eine Auswahl fast alleine aufgrund der Abiturnote fördert Medizinstudenten, die aufgrund ihrer intellektuellen Begabung nach dem Studium eher eine medizinische Spezialisierung an einer großen Klinik oder in einer Großstadt suchen, als die Arbeit in der "langweiligen" Grundversorgung auf dem Lande.

3. einseitige Geschlechtergewichtung der Medizinstudenten.

Aufgrund der durchschnittlich besseren Abitursnoten haben wir mittlerweile einen Anteil weiblicher Studenten von ca. 80%. Aufgrund von Familie und Kindererziehung zieht ein Großteil dieser Ärztinnen und auch einige ihrer männlichen Kollegen später oft Teilzeitarbeit und Angestelltentätigkeit der Selbstständigkeit in der eigenen Praxis vor.
Dadurch und durch die striktere Anwendung der Arbeitszeitregelungen werden zur Versorgung der gleichen Zahl von Patienten rein numerisch mehr Ärztinnen und Ärzte benötigt, als noch vor 10 oder 20 Jahren. Sowohl in den Kliniken als auch in der ambulanten Medizin.

4. zunehmende Bürokratisierung in der Klinik und Praxis.

Trotz aller Lippenbekenntnisse zum Bürokratieabbau wird der Anteil der Arbeit, die nichts mit der direkten medizinischen Versorgung der Patienten zu tun hat, sowohl in der Klinik als auch in der Praxis immer mehr. Als Beispiele sind zu nennen Qualitätsmanagement, verschärfte Datenschutzvorgaben, Selektivverträge, Atteste für Kindergärten, Schulen und Arbeitgeber, Kodierung von Diagnosen und Prozeduren, allgemeine Dokumentation ...

5. zunehmende Ökonomisierung der Medizin.

Durch das zunehmende Primat der ökonomischen Überlegungen über die medizinischen in allen Teilbereichen der Medizin werden angehende Mediziner bereits im Studium, dann in der Klinik und später auch in der Niederlassung immer wieder in ihrem angestrebten Drang, dem  Wohle des Patienten verpflichtet zu sein, gebremst und frustriert, was dann auch immer wieder dazu führt, dass der erlernte Beruf aufgrund eines brun out kein ganzes Arbeitsleben lang mehr praktiziert wird.

6. zunehmende Digitalisierung in der ambulanten Arztpraxis.

Diese Digitalisierungsoffensiven bringen größtenteils weder für den Patienten noch für die Praxis einen greifbaren Mehrwert, kosten immense Summen an Versichertengeldern, die anderweitig sinnvoller investiert wären, belasten die Arztpraxis mit zusätzlichem Zeitbedarf und ansonsten nicht notwendigen EDV-Investitionen, führen zu zusätzlichen Datenschutzrisiken, die wieder nur mit viel zeitlichem Engagement oder finanziellem Aufwand reduziert werden können, und nützen eigentlich nur den Verwaltungen der Krankenkassen und der EDV-Industrie.

Siehe auch Gedanken zu Telematik Infrastruktur TI.

7. zunehmende Morbidität der Patienten.

Durch das steigende Alter der Patienten und die zunehmenden medizinischen Möglichkeiten werden in den Praxen der Niedergelassenen sowohl in der Erwachsenen- als auch in der Kinder- und Jugendmedizin zunehmend mehr Patienten mit einem hohen Betreuungsaufwand behandelt, als noch vor 10 oder 20 Jahren. Dazu kommt, dass Patienten heute aufgrund des ökonomischen Drucks auf die Krankenhäuser wesentlich früher und kränker in die ambulante Weiterbehandlung entlassen werden als früher. Das kostet in der Praxis Zeit und bindet Behandlungskapazitäten.

8. zunehmendes Anspruchsdenken der Patienten.

Eine durch die Politik seit vielen Jahren anhaltend und wiederholt genährte Anspruchshaltung der Patienten führt dazu, dass sowohl Hausärzte, als auch Fachärzte und auch die Notaufnahmen der Krankenhäuser von Patienten mit nichtigsten Beschwerden und Krankheitsbildern überrannt werden, mit denen man noch vor 10 oder 20 Jahren entweder gar nicht oder in Ruhe ein paar Tage später zum Hausarzt gegangen wäre.


Auch die Lösungen dieser Probleme sind allen politischen Akteuren längstens bekannt:

zu 1.: Einrichtung von deutlich mehr Medizinstudienplätzen, angepasst an die zunehmende Morbidität der Bevölkerung und die reduzierte Lebensarbeitszeit der ausgebildeten Mediziner.

Medizinstudienplätze sind teuer. Aber die Kosten für die Gesellschaft durch fehlende, überarbeitete oder frustrierte Ärztinnen und Ärzte sind größer.

zu 2.: Auswahl der Medizinstudierenden aufgrund einer Kombination aus Abiturnote plus medizinischer Erfahrung durch Praktikum/FSJ, um eine Mischung aus unterschiedlich motivierten Nachfolgemedizinern zu bekommen, die ihre Studienentscheidung nicht nur aufgrund des Abischnittes, sondern auch aufgrund persönlicher Erfahrungen getroffen haben.

zu 3.: Erzielung einer ausgeglichenen Geschlechterverteilung der Studierenden, um anschließend auch ein ausgeglichenes Feld an Nachwuchsmedizinern und -medizinerinnen mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen zu haben.

zu 4.: Eine wirkliche Entbürokratisierung auf Kosten möglicherweise reduzierter Verwaltungsmöglichkeiten.

zu 5.: Eine stärkere Gewichtung der medizinischen Beweggründe gegenüber den ökonomischen, sowohl in den Krankenhäusern als auch in der ambulanten Medizin. Auch wenn die Versorgung dann vielleicht etwas teurer wird und Krankenhäuser keine Gewinne machen. Bei der Feuerwehr fordert auch niemand, dass sie Gewinn macht.

zu 6.: Reduzierung der Digitalisierung auf Anwendungen, die einen wirklichen Zusatznutzen für Patienten und Praxen bringen, und die sich im praktischen Arbeitsalltag bewährt haben.

 

zu 7.: Hier kann man wahrscheinlich wirklich nicht gegensteuern. Wir werden nun mal alle älter und damit kränker.

zu 8.: Eine offizielle von der Politik getragene Korrektur des Anspruchsdenkens der Patienten durch eine klare Ansagen an die Bevölkerung was medizinisch-ökonomisch machbar und notwendig ist.


Und es ist auch jedem, der es wissen will, schon lange bekannt, warum diese Lösungen nicht angewendet werden:
Sie kosten jetzt viel Geld und Popularität und bringen erst in 2 oder 3 Legislaturperioden einen spürbaren Erfolg.

Bis eine frisch gebackene Abiturientin als Ärztin in der Hausarztpraxis ankommt, vergehen mindestens 6 Jahre Studium und noch mal 4-6 Jahre Facharztweiterbildung. Und das ohne etwaige Unterbrechungen, Schwangerschaften, Elternzeiten, Teilzeitbeschäftigungen usw.


Stattdessen werden Scheinaktivitäten entfacht, die der Bevölkerung Verbesserungen vorgaukeln sollen ohne jedoch Geld kosten zu dürfen, und die an den wirklichen Problemen meilenweit vorbeigehen.

- Es gibt aufwändige Reformen und Projektvorhaben beim Medizinstudium ohne substantielle Vermehrung der Studienplätze.

- die Möglichkeit, per Wartezeit einen Studienplatz zu bekommen wird abgeschafft. Obwohl diese Regelung, so problematisch sie auch war, doch auch dazu  führte, dass auch Abiturienten ohne Einserschnitt einen Studienplatz bekommen konnten.

- die Kritik der Ärzteschaft an der zunehmenden Digitalisierung wird als altbacken und technologiefeindlich abgetan und den Patienten wird versprochen, bald ihre gesamte Krankenakte auf dem Handy lesen zu können. Natürlich ohne Hinweise auf finanzielle und datenschutzrechtliche Probleme und Folgen und ohne den Hinweis darauf, dass die dafür von den niedergelassenen Haus- und Fachärzten aufgewendete zusätzliche Zeit natürlich zu noch weniger Patiententerminen führen muss. Stattdessen wird den ambulant tätigen Praxen die Einführung dieser Telematik-Infrastruktur mit einer angedrohten Strafzahlung "schmackhaft gemacht".

- Runde Tische und regionale Besprechungen zwischen Ärztevertretern und Kostenträgern und Lokalpolitikern werden organisiert, die den Verantwortlichen vor Ort das Gefühl geben, etwas bewegen zu können, ohne dass sich an den Rahmenbedingungen etwas ändert.

- Terminservicestellen sind nun rund um die Uhr erreichbar, damit man auch nachts um 3 noch einen Termin beim Facharzt vereinbaren kann. Dass durch diese Terminservicestellen kein einziger neuer Termin beim Facharzt entsteht oder entstehen kann, sondern der Mangel nur verwaltet wird, dabei jedoch wieder Versichertengelder für eine 24-stündige Erreichbarkeit verschleudert werden, kümmert aber offensichtlich niemanden, der dafür verantwortlich wäre.


Leider drängt sich uns bei all dem immer wieder der Gedanke auf, dass es sich hier nicht um viele von einander unabhängige Fehler im System handelt, sondern dass da eine durchdachte Gesamtstrategie dahinter steckt.

- Die medizinische Versorgung der Bevölkerung soll sich weg von vielen kleineren regionalen Krankenhäusern und kleinen ambulanten Praxen hin zu wenigen zentralen Großkliniken und Großpraxen bzw. klinikangebundene Medizinische Versorgungszentren mit vielen angestellten Ärztinnen und Ärzten verlagern. Durch diesen Verzicht auf gut erreichbare und persönlich bekannte Versorgungsformen hin zu weiter entfernten und unpersönlichen kann man den Medizinbetrieb natürlich viel kostengünstiger, effektiver und auch für Investoren gewinnoptimierter betreiben.

- Die medizinischen Daten der Bevölkerung sollen raus aus den Nischen der einzelnen Krankenhäusern und Arztpraxen hin zu zentralen Speichern verlagert werden, damit sie besser kontrollierbar, verarbeitbar und verfügbar sind. Dann kann die Versicherung den Risikobeitrag entsprechend den Blutfettwerten individueller berechnen, die Bank die Zinsen entsprechend des Gesundheitstatus des Kunden festlegen und das Callcenter in Indien kann den Patienten mit voller Kenntnis der medizinischen Vorgeschichte behandeln und ein elektronisches Rezept für die nächste Apotheke in Hüttlingen ausstellen.

- Die Medizin soll insgesamt zu einer ganz gewöhnlichen Dienstleistung degradiert werden so wie KFZ-Reparatur, Supermarkt und Internetshopping. Ohne Rücksicht auf die individuellen Sorgen, Ängste und Nöte, die man hat, wenn man dann mal selber Patient ist.

Bitte denken Sie an all dies, wenn Sie das nächste mal einen Artikel in der Zeitung über den Ärztemangel lesen und sich fragen, warum die Ärzte so faul sind und partout nicht zu Ihnen aufs Land kommen wollen.

 

Ihr Praxisteam.

 

 

.